Was bedeutet Kanon?

Im engeren Sinne bezeichnet Kanon die Reihe der Schriften, die von der Kirche als verbindlich gültige Bestandteile der christlichen Bibel angesehen werden.

Im Biblischen Kanon sind die Bücher aufgeführt, die in der Tradition des Judentums oder einer christlichen Kirche zur Bibel gehören. Der biblische Kanon ist nicht bei allen Konfessionen gleich.

Auch wenn die Kanonisierung der jüdischen heiligen Schriften zur Zeit Jesu noch nicht abgeschlossen war, kann man annehmen, dass die grobe Einteilung des jüdischen Kanons in die drei Teile Gesetz (Tora), Propheten (Nebiim) und Schriften (Ketubim) sich bereits durchgesetzt hatte. Sie werden von den Schriften des Neuen Testamentes als autoritative heilige Schriften zitiert. Dem Umfang nach offen war zu dieser Zeit vor allem noch der dritte Teil.

Die frühen Christen hatten mit anderen jüdischen Strömungen diese Heiligen Schriften gemeinsam. Die ersten christlichen Autoren setzen die Kenntnis dieser Schriften vielfach voraus. Der Prozess der Kanonisierung der christlichen Schriften betraf die neu entstandenen Schriften weit mehr als die allgemein akzeptierten Schriften des so genannten „Alten Testamentes“. Spätestens in der Auseinandersetzung mit Marcion, der Mitte des 2. Jahrhunderts das gesamte Alte Testament als Teil der Heiligen Schriften des christlichen Glaubens ablehnte, bildete sich ein klares Bekenntnis zum zweiteiligen christlichen Bibelkanon aus Altem und Neuen Testament. Der Umfang des alttestamentlichen Kanons richtete sich dabei nach der Septuaginta, der ca. 200 v. Chr. entstandenen Übersetzung der hebräischen Schriften des Alten Testaments ins Griechische.

Aus dem Streit um die kanonische Geltung des Alten Testaments gingen auch erste Listen von Schriften hervor, die den Grundstock für eine eigene kanonische Sammlung christlicher Texte neben dem Alten Testament benannten. Ihren Abschluss fand diese Entwicklung mit dem 39. Osterfestbrief des Athanasius von Alexandrien (367), in dem alle Bücher des Neuen Testaments als kanonisch aufgeführt werden. Lediglich Offenbarung und Hebräerbrief waren in einigen Regionen noch über das gesamte 1. Jahrtausend umstritten.

Im Zuge der Reformation wurde der bisher übliche Umfang des Kanons des Alten Testaments, der sich an der Septuaginta orientierte, in Frage gestellt. Denn Martin Luther orientierte sich bei seiner Übersetzung des Alten Testaments am jüdischen, hebräischen Kanon , der – ca. um 100 n. Chr. in seinem heutigen Umfang festgelegt – weniger Schriften umfasste als die ca. 200 v. Chr. entstandene Septuaginta. Die katholische Kirche legte sich daraufhin im Zuge der Gegenreformation und lehramtlich verbindlich im Trienter Konzil auf den Umfang der Septuaginta als verbindlich für das Alte Testament fest. Die lutherische Kirche hat den Umfang des Kanons weder für das Alte noch für das Neue Testament jemals in einem offiziellen Bekenntnistext festgelegt, hat sich aber faktisch an die Entscheidung Luthers gehalten. Die Offenheit des Kanonumfangs konnte aber auch theologisch-programmatisch begründet werden. Die reformierten Kirchen haben in ihren Bekenntnistexten den Umfang des biblischen Kanons durch Kanonlisten klar definiert. In der Ostkirche ist der Umfang des Alten Testaments ebenfalls nie eindeutig definiert worden.

Wesenshaft für alle großen christlichen Religionsgemeinschaften ist die Anerkennung beider Teile des Biblischen Kanons – Altes und Neues Testament – als autoritative Schriften. Die Verhältnisbestimmung der beiden Kanonteile ist ein wesentliches Problem der Auslegung der biblischen Schriften und wird heute vor allem in der sogenannten Biblischen Theologie (Brevard S. Childs, Peter Stuhlmacher, Hartmut Gese, Friedrich Mildenberger, Gisela Kittel u.a.) diskutiert. Für die Auslegung der Bibel bedeutet die Existenz eines Gesamt-Biblischen Kanons auf jeden Fall, dass man das Neue Testament nicht ohne das Alte lesen und interpretieren sollte – und umgekehrt.

Die völlige oder weitgehende Ablehnung des Alten Testamentes ist vor allem von religiösen Gruppen vorgenommen wurden, deren Lehren von der allgemeinen Kirche verworfen wurden, etwa gewissen antiken Gnostikern, mittelalterlichen Katharern und den neuzeitlichen „Deutschen Christen“.

One Response

  1. cool 19. Oktober 2007

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