Welche Rolle spielt die Kabbala im religiösen Leben der Juden?

Die Kabbala ist eine religiös-mythische Glaubensrichtung im Judentum, die im 12. Jahrhundert in Frankreich und Südspanien entstand, sich im Lauf der Zeit über andere europäische Länder bis nach Safed in Galiläa ausbreitete und in populärer Form noch heute lebendig ist. Sie ist neben der streng dem Talmud folgenden Glaubensrichtung die zweite religiöse Hauptrichtung im Judentum.

Die Basis des kabbalistischen Systems ist das Grundverständnis einer seit jeher im orientalischen Kulturraum verbreiteten Emanationslehre. Nach kabbalistischer Ansicht hat Gott alles, was er im Universum geschaffen hat, auch am Menschen geschaffen. Hieraus ergibt sich das Weltbild der wechselseitigen Entsprechungen von Oben und Unten. In diesen Spekulationsformen wird der kabbalistische Grundgedanke von Mikro- und Makrokosmos deutlich. Die ganze „untere“ Welt wurde demnach nach dem Vorbild der „oberen“ gemacht und jeder Mensch an sich ist ein Universum im Kleinen. Der körperlichen Gestalt des Menschen kommt hierbei eine universelle Bedeutung zu, denn Gott selbst wird in der Tradition der jüdischen Mystik mit letzter Konsequenz anthropomorph gedacht. Die Vollkommenheit des göttlichen Makrokosmos personifiziert sich hierbei im Menschen, welcher als Mikrokosmos zwar unvollkommen, aber dennoch ein Abbild des himmlischen Urmenschen Adam Kadmon darstellt. Gott als das Grenzenlose und Ewige benötigt das von ihm geschaffene Mittlerwesen des Menschen, um durch die zehn geistigen Kräfte seine göttliche Allmacht wirken zu lassen. Diese zehn Sephirot sind die göttlichen Urpotenzen, welche in der Form des kabbalistischen Weltenbaumes alle Ebenen des Seins durchragen. Dieser Weltenbaum mit dem darin verbundenen Menschen stellt den verkörperten Organismus des Universums dar. Diese elementare Verflechtung des Menschen in ein göttliches Universalsystem verdeutlicht nach kabbalistischer Ansicht auch das gegenseitige Beeinflussungspotential der göttlichen und der menschlichen Ebene. – Der Mensch steht unter dem ganzheitlichen Einfluss universaler Kräfte, kann diese aber seinerseits beeinflussen. (-Beispielhaft hierfür ist die kabbalistische Wortmagie, in welcher die bloße Artikulation von Begriffen eine unmittelbare Einflussnahme auf das wörtlich Bezeichnete nach sich zieht.)

Wie häufiger in der Mystik geht es dabei um den bewussten und selbst gesteuerten Übergang in eine Ekstase, also einen Weg des Ich aus dem Körper. Dazu gibt es verschiedene Techniken, die sich als Geheimlehren, die studiert und erfahren werden, überliefern. Diese initiatische Erfahrung vermittelte sich anfänglich in einer zunächst rein mündlichen, später schriftlichen Überlieferung. Deshalb wird in der Kabbala auch heute die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler als wesentlich herausgestellt. Als der Judaistik-Professor und Kabbala-Historiker Gershom Scholem nach Jerusalem ausgewandert war, bot ihm ein Kabbalist aus Safed an, unter der Bedingung, keine Fragen zu stellen, sein Schüler zu sein. Scholem lehnte ab.

Kabbalistische Erfahrung kann die Grenze zwischen Subjekt und Objekt aufheben. Ein Kabbalist durchbricht die Mauer „härter als ein Diamant“ und erfährt die All-Einheit. Insofern gibt es verschiedene kabbalistische Schriften und Schulen, aber keine Dogmatik oder abprüfbaren Lehrinhalt. Es gibt keine allgemeingültige kabbalistische Lehre. Aber es gibt kabbalistische Techniken. Dementsprechend ist alle schriftliche Hinterlassenschaft der Kabbalisten stark symbolisch. Das letzte Ziel der lurianischen Kabbala erschließt sich in läuternder Vorbereitung messianischer Welterlösung der Kawwanah (כוונה).

Nach jüdischer Tradition gelangten nur vier zu Lebzeiten ins Paradies und allein Rabbi Akiba kehrte unversehrt zurück. Den meisten gelingen nur ein paar Tritte auf der Himmelsleiter oder das Öffnen einiger weniger Tore. Jedoch behalten alle ihre besonderen erlangten Fähigkeiten und sollen sie nach außerbiblischer Tradition sogar vererben (apokryphes Buch Jesus Sirach 4,16). So soll der Segen – Beracha ברכה entstehen. Um Missbrauch dieser Kräfte zu verhindern, werden Schüler vor ihrer Aufnahme geprüft. Um „Würdige“ von „Unwürdigen“ zu trennen, hat man die Kabbalah in eine theoretische (קבלה עיונית) und eine praktische (קבלה מעששית) unterteilt, wobei erstere das System darstellt, und letztere magische und mantische Praktiken umschreibt wie Amulettwesen, Loswerfen etc.

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