Wer war der erste bedeutende moderne Jude?

Das war der Philosoph, Schriftsteller und Kritiker Moses Mendelssohn, der im 18. Jahrhundert in Berlin lebte. Mendelssohn verstand es, das Judentum als Vernunft-Religion mit traditionell-jüdischen Pflichten und Riten zu verbinden.

Er ist der Sohn des jüdischen Küsters und Gemeindeschreibers Mendel Heymann, über dessen Herkunft man nichts weiter weiß, als dass er nach Dessau zugewandert ist, und der aus einer alten jüdischen Familie stammenden Sarah Wahl, zu deren Vorfahren bedeutende Gestalten der polnisch-jüdischen Geschichte wie Moses Isserles, der Verfasser eines wichtigen Gesetzeskommentars im 16. Jahrhundert (eines möglichen Namensgebers), und Saul Wahl (ca. 1545-1617) gehören, einer halb sagenhaften Figur, der eine Nacht lang, aus juristischen Gründen, die polnische Königskrone getragen haben soll (daher der Nachname). Der bescheidenen Verhältnisse des Elternhauses ungeachtet wird das spät geborene Kind (der Vater ist bereits 46 Jahre alt) sorgfältig ausgebildet und früh als Hochbegabung erkannt; bereits der Sechsjährige soll mit Talmudstudien begonnen haben. Seine Muttersprache ist das späte West-Jiddisch; Hebräisch und Aramäisch lernt er noch als Kind.

Um 1739 wechselt er in die Klasse des Dessauer Oberrabbiners David Fränkel (1704-1762), eines bahnbrechenden Gelehrten, der nach fast 200 Jahren eine Neuausgabe des „Führer der Unschlüssigen“, eines Hauptwerks des bedeutenden jüdischen Philosophen Moses Maimonides (1138−1204) unternimmt. Mendelssohn hat das anspruchsvolle zweibändige hebräische Werk gleich nach dessen Erscheinen, 1742, durchgearbeitet. In dieser Zeit – Mendelssohn ist etwa dreizehn Jahre alt – macht sich die Krümmung seines Rückens bemerkbar, außerdem neigt er zum Stottern.

Als Rabbi Fränkel 1743 nach Frankfurt/Oder und gleich darauf als Oberrabbiner nach Berlin berufen wird, folgt ihm sein Schüler an die 1742 neu gegründete Talmudschule nach Berlin; der Sage nach in fünf Tagmärschen zu Fuß. Dort erhält er, der Tradition entsprechend, „Freitische“ mit Gratismahlzeiten und wird zusätzlich von Rabbi Fränkel mit Abschreibaufträgen über Wasser gehalten.

Mit Hilfe älterer, weltlich gebildeter Schüler eignet sich Mendelssohn in diesen Jahren, neben seinen Talmudstudien, Deutsch und später Latein, Französisch und Englisch sowie weiteres weltliches Wissen an. Er zeigt früh eine Neigung zur Philosophie; den englischen Frühaufklärer John Locke studiert er zunächst auf Lateinisch mit Hilfe eines Wörterbuchs.

1751, nach sieben Jahren als Bettelstudent, wird er vom Seidenhändler Isaak Bernhard als Hauslehrer für dessen Kinder eingestellt, und 1754 Buchhalter in dessen neu gegründeter Seidenfabrik, wo er es bis zum Geschäftsführer und Teilhaber bringt.

1754 erfolgt die Bekanntschaft mit Gotthold Ephraim Lessing (angeblich beim Schachspiel), der ihm zur Publikation seiner ersten deutschen Schriften verhilft; Lessing vermittelt ihm auch die Bekanntschaft mit Friedrich Nicolai, der ihn als Mitarbeiter für seine einflussreiche Zeitschrift „Briefe, die Neueste Litteratur betreffend“ gewinnt, wodurch Mendelssohn zu einem der einflussreichsten Literaturkritiker der damals neu entstehenden deutschen Literatur wird.

1762 heiratet Mendelssohn Fromet Gugenheim, mit der er zehn Kinder hat, von denen sechs überleben, darunter Abraham Mendelssohn, der Vater von Felix Mendelssohn.

1763 gewinnt Mendelssohn, vor Immanuel Kant, mit einem philosophischen Aufsatz den ersten Preis der „Königlichen Academie“ (die spätere Preußische Akademie der Wissenschaften) und wird damit zu einem allgemein anerkannten Denker. 1767 veröffentlicht er „Phädon oder über die Unsterblichkeit der Seele“ – ein viel gelesener philosophischer Text, der in mehreren Auflagen erscheint und in zehn Sprachen übersetzt wird. Dieses Werk ist eine Interpretation des platonischen Dialogs Phaidon, „modernisiert und in Wolffische Metaphysik verwandelt“ (Hegel). Seinen Dialogen stellte Mendelssohn – welchen Zeitgenossen als „den deutschen Sokrates“ bezeichnet hatten – eine lesenswerte Biographie zu „Leben und Charakter des Sokrates“ voran.

1770 wird der jüdische Denker von dem Schweizer Pfarrer Johann Caspar Lavater öffentlich aufgefordert, entweder in aller Form das Christentum zu widerlegen oder selber Christ zu werden, was zu einer öffentlichen Auseinandersetzung zwischen Mendelssohn und Lavater führt, die ihn viel Kraft und Nerven kostet. 1771 erleidet er, wahrscheinlich im Zusammenhang mit diesen Anstrengungen, einen psychophysischen Zusammenbruch, der ein zeitweises Aussetzen von jeglicher philosophischer Tätigkeit erzwingt. Die im gleichen Jahr vorgeschlagene Aufnahme Mendelssohns in die Preußische Akademie der Wissenschaften auf Antrag von Sulzer, dem Präsidenten der Philosophischen Klasse, scheitert am Widerstand Friedrichs II..

Mendelssohn versucht, sich bei der Übersetzung der Bibelpsalmen (erschienen 1783, und, korrigiert, 1788) zu erholen und beginnt mit den Vorarbeiten zu seiner deutschen Übersetzung des Pentateuch. In hebräischen Buchstaben neben dem Urtext abgedruckt und ausführlich auf Hebräisch kommentiert soll sie seinen Mitjuden die Bibel und gleichzeitig die deutsche Sprache näher bringen, und erscheint von 1780 bis 1783.

Zugleich bemüht er sich darum, die bedrückte Stellung der jüdischen Minderheit in Europa zu verbessern; sowohl, in dem er sich immer wieder in konkreten Einzelfällen für sie verwendet, wie durch die Publikation entsprechender Werke und durch Anregung der wichtigen Schrift von Christian Konrad Wilhelm von Dohm „Über die bürgerliche Verbesserung der Juden“. Im Zusammenhang mit diesen Auseinandersetzungen erscheint 1783 sein Spätwerk „Jerusalem oder über religiöse Macht und Judenthum“, in dem er einerseits die Strafbefugnis des Rabbinats ablehnt, anderseits die Unverrückbarkeit des jüdischen Religionsgesetzes, des „Zeremonialgesetzes“ behauptet, das seiner Meinung nach, unter Berufung aufs Neue Testament, auch für zum Christentum übergetretene Juden seine Gültigkeit behält.

Enge Kontakte hielt Moses Mendelssohn mit Johann Wilhelm Ludwig Gleim, der in Halberstadt als Domsekretär lebte und junge Dichtertalente mit Geld und freundlicher Anteilnahme unterstützte. In Gleims 1769 in Berlin erschienenem Bändchen mit Oden widmete er ein Gedicht auch dem Sokrates Mendelssohn. 1768 ließ Johann Wilhelm Ludwig Gleim für seinen Freundschaftstempel ein Porträt Mendelssohns anfertigen. Auf die Rückseite schrieb er wie immer, warum und von wem das Bild gemalt wurde: „Moses Mendelssohn, wegen seines Phädon, gemalt von Christian Bernhard Rode“. 1933 wurde das Bild aus der Ausstellung entfernt. Sein Verbleib ist bis heute ungeklärt.

1779 setzt Lessing seinem Freund in Nathan ein bleibendes Denkmal. Lessing wird nach seinem Tod im Jahr 1781 vom Privatgelehrten Friedrich Heinrich Jacobi als „Spinozist“ und damit, indirekt, als „Atheist“ bezeichnet – was unter damaligen Verhältnissen einer schweren Rufschädigung gleichkommt und zu einem längeren Briefwechsel zwischen Jacobi und Mendelssohn führt, den Jacobi 1785 in eigener Redaktion und Auswahl publiziert. Mendelssohns Erwiderung „An die Freunde Lessings“ wird zu dessen letztem (im Februar 1786) publiziertem Werk; er stirbt am 4. Januar 1786 in Berlin und wird auf dem Berliner Jüdischen Friedhof beerdigt, wo noch heute ein rekonstruierter Grabstein an ihn erinnert.

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